Mahagonny Presseerklärung MAX TAUT AULA Lichtenberg / NPD, 15.01.11

Berlin, 15.01.2011

Presseerklärung

MAX-TAUT-AULA, BERLIN

STATT GEPLANTEM KULTURZENTRUM NUN FUSIONSPARTEITAG DER NPD

Künstler und Kulturschaffende protestieren
Desaster durch Konzeptlosigkeit und Unfähigkeit der Senatsverwaltungen


Sehr geehrte Damen und Herren,

mit der Tatsache, dass am 15.01.2011 die rechtsradikale NPD durch Gerichtsbeschluss die Möglichkeit erhält, in der Max-Taut-Aula in Berlin-Lichtenberg ihren parteipolitischen Festakt zu begehen, wird nicht nur der Schule und dem Bezirk, sondern auch der Stadt Berlin
sowie den Künstlern und Kulturschaffenden, die dort seit 2008 Veranstaltungen durchgeführt haben, schwerer Schaden zugefügt.

Die Bestätigung der Klage der NPD durch das Berliner Oberverwaltungsgericht bildet dabei nur den vorläufigen Endpunkt eines bereits fahrlässigen Umgangs mit dem prächtigen Gebäude seitens der Berliner Senatsverwaltungen Stadt, Bildung, Kultur.
Das im Krieg zerstörte Aula-Gebäude wurde als Leuchtturmprojekt des EU-Programms Urban II mit der ausdrücklichen Vorgabe „Aufbau eines kulturellen Zentrums im Osten Berlins mit überregionaler Ausstrahlung“ technisch optimiert wieder aufgebaut (ca. 10 Mio. EUR). Ausführender Architekt war nach einem europaweiten Wettbewerb Max Dudler. Auch schon Max Taut hatte das Bauwerk als „öffentliche Aula“ und Ort der Kultur konzipiert. Hiervon erhoffte man sich heute eine Aufwertung des Ost-Bezirks Lichtenberg.

Doch nun schließt sich der Kreis und wiederholt sich, was nach der Fertigstellung des Schulkomplexes 1933 schon einmal geschah. Die Nationalsozialisten hielten damals im Aula-Gebäude alsbald Großversammlungen ab. Den Architektenbrüdern Taut wurden die Aufträge entzogen. Max Taut verbrachte die Jahre der Diktatur in der inneren Emigration bei Chorin.

Als Initiatoren und Veranstalter der Reihe Medium Taut 2008 bis 2010 mit Theateruraufführungen, Taut-Specials und monatlichen Kultursalons, mit namhaften Gästen wie Rolf Hochhuth, Volker Braun, Harun Farocki, Thomas Heise, Ernst-Ludwig Petrowsky, Friedrich Kittler, Elisabeth Lenk u. v. a., fordern wir im Namen der mit uns verbundenen Kulturschaffenden, Rahmenbedingungen
zu schaffen, die verhindern, dass der Ungeist an diesem kulturpolitisch bedeutenden Ort Einzug hält.

Die Forderung nach professionellen Verhältnissen für die Verwaltung und Bespielung der wieder aufgebauten Aula besteht bereits seit längerem. Sie war auch Gegenstand der Beschäftigung im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses von Berlin am 15.03.2010, wo der „Zustand der kulturellen Highlights in Lichtenberg“ diskutiert wurde. Die Frage „Welche Konzeption zur kulturellen Nutzung hat der Senat?“ und die Aufforderung, die Aula in die Kompetenz der Senatskulturverwaltung zu legen, wurden jedoch vom Regierenden Bürgermeister und von anderen Sprechern der politischen Parteien zurückgewiesen (Anlage 1); ebenso wie wenig später unserer Zuwendungsantrag bei der Stiftung Deutsche Klassenlotterie, weshalb wir die erfolgreiche und innovative Projektreihe Medium Taut leider nicht mehr fortführen. In die Lücke der brachliegenden Kulturarbeit stoßen dafür nun andere Kräfte.

Fehlende Kriterien bei der Raumvergabe und mangelnde Kulturkompetenz der Verantwortlichen bilden die Ursache für das Desaster. Die Anmietung durch die NPD, die sehr wohl um den repräsentativen Wert der Max-Taut-Aula weiß, geschieht nur, weil die Aula in direkter Betreiberschaft des Bildungssenats liegt, der ein Baudenkmal der klassischen Moderne nach dem Belegbuchprinzip führen lässt. Ohne sich um ein irgendwie inhaltlich geartetes Profil zu bekümmern, wird sie in beliebiger und gedankenloser Weise als Nutzungs- und Mietobjekt angeboten, um die Betriebskosten einzuspielen (Anlage 2: Artikel Berliner Zeitung). Mit vergleichbaren kulturellen Räumen, wie dem Haus der Kulturen der Welt, könnte die NPD nicht so verfahren.

Kulturpolitik besteht eben nicht allein darin, Kunst und Kultur als bloße Dekoration des Stadtbildes zu betrachten. Sie sind vielmehr wesentlicher Garant des gesellschaftlichen Lebens, das ansonsten der Barbarei anheim fällt. Wer kulturelle Gebäude nicht mit Leben erfüllt, sondern veröden lässt, kann darauf warten, dass ungebetene Gäste sich ihrer bemächtigen.

Die mit dem Wiederaufbau der Taut-Aula erhoffte Imageverbesserung von Lichtenberg erhält einen gewaltigen Rückschlag, der nicht vom Bezirk verursacht wurde, sondern vor allem durch den verantwortungslosen, von Gleichgültigkeit gezeichneten Umgang seitens der zuständigen Senatsdienststellen.

Wir treten mit aller Dringlichkeit dem hier vorliegenden Versagen der Politik entgegen.

Für Rückfragen stehen wir gern zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Das Team von Medium Taut

Christian Bertram und Dr. Simone Bernet
Vorstand mahagonny e.V

Leitung und Management Medium Taut

Presseerklärung und Anlagen zum Ausdrucken
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Mahagonny_Presseerklärung_v.15_01_2011.pdf
Anlage 01_Mündliche Anfrage Kulturausschuss.pdf
Anlage 02_Die Aula als Mietobjekt,Berliner Zeitung 19.05.2009.pdf