Pierre Klossowski 1994,
(Photo: © Christian Bertram)

Der französische Philosoph Maurice Blanchot sprach von ihm als einem der notwendigsten Künstler der Gegenwart, ausgestattet mit der seltenen Begabung der ‚Heiterkeit des Ernstes’. Denn wie kein anderer stellte der Künstler, Schriftsteller und Philosoph Pierre Klossowski (1905-2001) den etablierten Begriff des Bildes und des Kunstraumes mit dem in Frage, was er selbst das Simulakrum nennt. Und dies stets mit dem Kontur des Heiter-Komischen, was seine Tableaus und Szenen oft an nietzscheanische Komödien erinnern lässt. Für Klossowski - einem der führenden Vertreter der Nietzsche-Rezeption im Geist der "Fröhlichen Wissenschaft" - ist die Kunst die Wissenschaft vom ‚Falschen’, vom Trugbild. Und diese Trugbilder (Simulacra), die uns gewollt oder ungewollt umgeben und beherrschen, galt es als lebendige Kunst in die Sphäre des vermeintlich gesicherten ‚Wahren’ und ‚Wirklichen’ zu übertragen und für die Ökonomie unseres modernen Lebens zurückzugewinnen.
Wie dies zu verstehen ist, veranschaulichte Klossowski auf über 500 großformatigen Zeichnungen, und anhand von lebensgroßen Skulpturen in der Art von ‚Tableaux vivants’ (Lebenden Bildern) sowie in Schriften, Romanen (Die Gesetze der Gastfreundschaft, Der Baphomet ), übersetzerischen Arbeiten, Filmen und einem Theaterstück. Inspiriert durch seine Frau Denise, zeigte sich Pierre Klossowski dabei als Meister der Inszenierungskunst des erotischen Raffinéments und verwandelte durch sein Changieren zwischen verschiedenen Wahrnehmungs- und Realitätsebenen den zeitgenössischen Kunstraum nachhaltig.

Pierre Klossowski wurde am 9. August 1905 in Paris geboren, wohin seine Eltern von Polen über Berlin kommend, gezogen waren. Sein Vater Erich Klossowski, Maler und Kunsthistoriker - ein Spezialist der Kunst des 19. Jahrhunderts -, stammte ursprünglich aus einer vornehmen polnischen Familie, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Ostpreußen geflohen war. Seine Mutter Elisabeth Dorothea Spiro - als Malerin nannte sie sich Baladine - war mütterlicherseits Russin, väterlicherseits Polin und stammte aus Breslau. 1908 wurde der jüngere Bruder Balthazar geboren, der spätere Maler "Balthus".

Die Eltern führten ein offenes Haus, in dem bedeutenden Akteure der Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts verkehrten: Pierre Bonnard, André Derain, Maurice Denis, Ambroise Vollard, der Kunstkritiker Julius Meier-Graefe und Elie Fauré. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs veränderte jedoch alles. Die Klossowskis wurden in Paris als Deutsche betrachtet und aus Frankreich des Landes verwiesen, ihr Vermögen wurde eingezogen. Zunächst gingen sie nach Zürich, dann ließen sie sich vorübergehend wieder in Berlin nieder, wo Erich Klossowski erfolgreich am Lessinghaus als Bühnenbildner arbeitete.

Schweizer Jahre

1917 trennte sich Baladine von Erich Klossowski und zog mit ihren beiden Söhnen in die Schweiz, zuerst nach Bern, dann nach Genf, wo Pierre und Balthazar zur Schule gingen. Die Sommer verbrachte man in Beatenberg oberhalb des Thuner Sees. Pierre fand dort die Grundlagen seiner späteren Phantasielandschaft "Lotharingen", die er mit der lateinischen Kultur kombinierte. Die Mutter freundete sich mit Rainer Maria Rilke an. Rilke förderte die beiden Knaben und wurde zum geistigen Wegbereiter des jungen Pierre. Aus dieser Zeit ist der Briefwechsel zwischen Rilke und Baladine Klossowska erhalten.

1922 zog Baladine Klossowska mit den Kindern wieder nach Berlin, aber schon 1924 kehrten die drei nach Paris zurück. Im Atelier der Mutter in der Rue Malebranche war Rilke täglicher Gast der Familie, ebenso wie Pierre Jean Jouve, Jean Paulhan und später Cocteau. Die erste Berufswahl für Pierre lautete: er soll Schauspieler werden. Dazu kam es jedoch nicht: auf Empfehlung Rilkes wurde Klossowski Sekretär bei André Gide und dieser zu seinem Mentor.

Pierre Klossowski und seine Frau
Roberte, Paris 1986
(Photo: © Helmut Newton)

Gide, Lacan, Breton und die anderen

Pierre Klossowski begann zu schreiben. Seit seinen ersten Aufsätzen über den Marquis de Sade im Jahr 1925 gehörte er zum inneren Zirkel der philosophischen und literarischen Avantgarde in Frankreich. 1933 traf er mit Georges Bataille, dem er bis zu dessen Tod verbunden blieb, und den Surrealisten um Breton und Artaud zusammen. Mit Bataille, Paul Éluard und Benjamin Peret arbeitete er in der Bewegung Contre-Attaque und im Collège de Sociologie. Er schrieb Essays für die Zeitschrift Acéphale und fertigte für Walter Benjamin Übersetzungen an. 1944 besuchte er die Gruppe Dieu Vivant, in der u.a. Blanchot, Camus, Sartre, Leiris, Merleau-Ponty verkehrten.

Während der deutschen Besatzung - noch eingeschlossen in katholisch-theologische Problematiken und Fragen der innerkirchlichen Häresie - gehörte Klossowski zum Kreis um Jacques Lacan und André Gide, bei denen er zum allgemeinen Erstaunen eines Tages in der Soutane erschien. Zwei Jahre widmete sich Klossowski anschließend dem mönchischen Leben bei den Benediktinern und Dominikanern, verzichtete jedoch letztlich auf das Novizentum. Diese Abkehr bildete die Grundlage seines ersten grundlegenden Romans "La Vocation Suspendue" ("Die aufgehobene Berufung“, 1950).

Gleichwohl setzte er seine theologischen Studien fort, die gemischt mit einem obsessionellen Erotismus die essentiellen Bestandteile seines Werkes blieben. Er übersetzte so verschiedene Autoren wie Hölderlin, Kafka, Kierkegaard, Hamann, später Tertullian, Sueton, Virgil, Nietzsche, Heidegger, Wittgenstein und das Tagebuch von Paul Klee. Im Rahmen seiner Beschäftigung mit den Kirchenvätern entdeckte er bei Augustinus das Konzept des "theologia teatrica", eines theologisch-erotischen Theaters, ebenso das Phänomen der Simulakren (Trugbilder), das er seinem literarischen und bildnerischen Werk unterlegte. Über Nietzsche erfolgte seine Auseinandersetzung mit dem Gesetz der Ewigen Wiederkehr, der Parodie und der Theorie des doppelten Scheins. Die Beschäftigung mit Rilke führte ihn in die Bilderwelt des Mittelalters, über Wittgenstein reflektierte er das Verhältnis von Bild, Modell und Wirklichkeit.

Roberte

Roberte au cinema
(Photo: © Pierre Zucca)

1946, im Alter von 42 Jahren, heiratete Pierre Klossowski Denise Marie Morin-Sinclaire. Sie inspirierte ihn zu der Figur der "Roberte", einer Fortsetzung von ähnlichen Figurentypen bei Sade, Proust, Bataille und Gide. Von nun an stand seine Arbeit unter dem Diktum dieses "alleingültigen Zeichens". Er widmete sich ganz dem künstlerischen Schaffen, veröffentlichte Romane und zahlreiche Essays, so 1953 die Trilogie "Die Gesetze der Gastfreundschaft". Etwa gleichzeitig entstanden seine ersten großformatigen Zeichnungen zum Roberte-Komplex.

Lebendes Geld - Lebende Bilder

Roberte au cinema
(Photo: © Pierre Zucca)

1968 richteten Bataille, Lacan und Klossowski einen Appell an den französischen Staatspräsidenten, in dem sie ihr Verständnis für die Studentenrevolte zum Ausdruck brachten. Zwei Jahre später erschien Klossowskis Essay "La Monnaie vivante" ("Lebendes Geld"), in dem er Grundgedanken von Marx, Fourier, Nietzsche und Freud weiterentwickelte und zu einer epochalen Diagnose des Verhältnisses von Mehrwert, Tausch, Prostitution und "allgemeinem Wertgesetz" gelangt. Das Buch enthielt zudem eine Serie "Lebender Bilder", die Pierre Zucca inszeniert und fotografiert hatte, mit dem Klossowski dann in den 70er Jahren zwei Filme realisierte: "Roberte" (1975) und "Roberte interdit" (1979). In ihnen spielt Klossowski gemeinsam mit Denise Klossowski und Gian Carlo Marmori die Hauptrollen. Weitere Filmarbeiten entstanden 1977 mit dem brasilianischen Filmemacher Raul Ruiz ("La vocation suspendu" und "Die Hypothese vom gestohlenen Bild").

Der Baphomet

1965 erschien Klossowskis Roman "Der Baphomet", für den er im selben Jahr mit dem renommierten "Prix des Critiques" ausgezeichnet wurde. Die Handlung spielt zur Zeit des Niedergangs des Templerordens im späten Mittelalter des 13. Jahrhunderts, ebenso aber in einer imaginären Gegenwart. Sie führt eine weitere Figur in das Spektrum Klossowskis ein: den "jungen Ogier", der als verführerischer Page bei den Tempelrittern zum Idol kultischer Verehrung wird. Für Klossowski war er der Knabe "par excellence". Das Sujet um den "ewigen Knaben" fand wie zuvor die Abenteuer "Robertes" seinen Niederschlag im zeichnerischen Werk.

1972 gab Klossowski das Schreiben auf, um sich fortan ausschließlich dem "Diktat der Bilder" zu unterwerfen. Das Zeichnen mit Farbstiften in lebensgroßen Formaten im Stil von Wandmalereien und Fresken setzte er bis in seine letzten Lebensjahre fort.

1981 erfolgte die erste große, von Johannes Gachnang kuratierte Ausstellung in der Kunsthalle Bern ("Simulacra"), 1982 die Präsentation auf der Documenta VII.. 1984 wurde Klossowski erstmals im Centre Pompidou ausgestellt. Weitere Ausstellungen folgten u.a. in Rom, Mailand, Marseille (wo 1990 das Gesamtwerk gezeigt wurde), Wien, Zürich, Genf und Ixelles (s. Ausstellungsverzeichnis).

Der unsterbliche Knabe

Im Herbst 1994, im Alter von 90 Jahren, schrieb Pierre Klossowski seinen letzten Text, und zwar in der bemerkenswerten Form eines Theaterstücks: "L'adolescent immortel" ("Der unsterbliche Knabe"). Es handelte sich um eine Variation des "Baphomet", angeregt durch die Bekanntschaft mit dem 14-jährigen Gabriel des Forêts, Neffe des Schriftsteller Louis René de Fôret, und von dem Vers Baudelaires "J'ai plus des souvenirs que si j'avais mille ans" ("Ich habe mehr Erinnerungen, als wär' ich tausend Jahre alt"). Fast zwangsläufig gelangte Pierre Klossowski an die Schnittstelle des Theaters, in dem die vormals "eingeübten Disziplinen" des Denkens, Schreibens und Zeichnens in einer einzigen Folge von lebenden Bildern aufgehen. Der "Unsterbliche Knabe" stand am Ende seines Lebens und wies auf die Knabenzeit seines Autors zurück. Als Doppel-Portrait angelegt, parodierte das Stück nicht nur den Traum der "ewigen Jugend", es paraphrasierte facettenreich die Grundkonstellation des Meisters und des Knaben, die sich durch unsere Kulturgeschichte zieht und spiegelt - quasi als Retro-Show - das Zusammenwirken zweier Kulturkreise (Islam und Christentum) zur Zeit des Templerordens.

Mit dem französischen Kunstkritiker Alain Jouffroy führte Klossowski zuletzt eine Reihe von Gesprächen, die die Genealogie seiner Modelle und seines Schaffens von verschiedenen Seiten beleuchteten: Sie sind unter dem Titel "Le secret pouvoir du sens" als Buch in Frankreich erschienen. Bei dieser Gelegenheit entstand auch ein Film von Pierre-André Boutang: "Rencontre avec Pierre Klossowski".

Nachdem ihm im Frühjahr der jüngere Bruder Balthus vorausgegangen war, starb Pierre Klossowski im August 2001 im Alter von 96 Jahren. Für beide Brüder hatte sich ein jeweils einzigartiges Künstlerleben vollendet, wobei das Leben des einen im Zeichen der "Engel" und das Leben des anderen, von Pierre, im diskreten Rausch der Dämonen, Phantasmen und Patophanien stand.
Wie sehr das Werk Pierre Klossowskis indes weiterlebt und entdeckt wird, zeigten zuletzt 2007 die Ausstellungen in der Whitechapel-Gallery, London, dem Museum Ludwig, Köln und dem Palais des Arts in Brüssel.